Oh Amerika - die gelähmte Supermacht.

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Teresa Casamonti
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Ein Gastbeitrag von Elisabeth.Koblitz

Der allabendliche Griff zum Handy kurz vorm zu Bett gehen ist momentan eigentlich die Garantie für einen schlechten Schlaf. Und trotzdem checke ich jeden Abend „noch mal schnell“ die Weltlage. Berufskrankheit. Das Bedürfnis, die Weltnachrichten einfach mal auszuschalten,  kenne ich eigentlich nicht. Sonst hätte ich den falschen Beruf gewählt. Doch, in den vergangenen Wochen überrollte auch mich das ein oder andere Mal das Gefühl von Überforderung, Ohnmacht. Panik. Am liebsten Decke übern Kopf ziehen. Gute Nacht.

Hier in den USA gibt es derzeit über 350.000 bestätigte Infizierte mit fast 10.000 Toten. Allein in der vergangenen Woche haben sich 6,6 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Doppelt so viel wie zur Vorwoche - Experten rechnen mit einem Arbeitlosenanstieg auf 30 Prozent. So hoch wie noch nie.


Die Berichte aus den Krankenhäusern im Bundesstaat New York, insbesondere der Metropole  New York City, sind schwer zu ertragen: Leichen werden mit Gabelstaplern in Kühllaster verfrachtet; der Central Park, normalerweise Kulisse romantischer Filme, gleicht dieser Tage eher der eines Kriegsfilms: hastig aufgebaute Feldlazarette sollen wenigstens einen Bruchteil der Flut an Kranken auffangen, die die Stadt erwartet.

Das Land ist wie erstarrt, jeder weiß: This is only the beginning. Wir leben im Herzen Washingtons. Normalerweise tobt hier auf den Straßen das Leben.  Autos hupen, die Studenten feiern sich und ihre neu gewonnene Freiheit - das erste Mal weg von Mutti: Life is a Party. Gerade jetzt, gerade im Frühling. Die Jahreszeit, in der die stolze Hauptstadt Amerikas besonders strahlt: Menschen aus aller Welt strömen hier her. Sie besuchen das weltberühmte Kirschblütenfestival, die zahlreichen Museen, Restaurants und Cafes. Dieses Jahr nicht. Dieses Jahr ist alles anders. Wie überall auf der Welt. Die Stadt ist ausgestorben: keine Touristen, viele Bewohner sind in ihre Heimatstaaten zurückgekehrt, die Studenten wurden von ihren besorgten Eltern vorzeitig abgeholt. 

Die Bürgermeisterin hat eine „Stay-at-home“-Anordnung verhängt. Nur noch essentielle Businesses, wie Apotheken und  Supermärkte haben geöffnet. Und ein paar Restaurants, die auf den Bürgersteigen Mahlzeiten zum Mitnehmen anbieten. Doch auch hier kapituliert ein Betreiber nach dem anderen: Umsatz machen, unter Covid-19 : ein Ding der Unmöglichkeit. In den Wohnungen und Häusern harren die Menschen der Dinge, die da kommen. Doch die fast schon friedliche Ruhe auf der Straße ist trügerisch, denn schon jetzt kämpfen Ärzt*innen, Pfleger*innen um Menschenleben. In den meisten Krankenhäusern Amerikas fehlt es an essentiellem Equipment, mancherorts sogar so extrem, dass Pfleger Müllbeutel als Schutzuniform tragen. Sie blicken voll Sorge auf die nächsten Tage: denn Mitte April wird in den ersten US-Staaten der Peak erwartet.


Präsident Trump hat sein Land vergangenen Dienstag vorbereitet: die nächsten zwei Wochen werden hart für die Amerikaner. Das Weiße Haus rechnet mit 100.000-240.000 Opfern. Die Wachstumskurve schellt exponentiell in die Höhe, schon ganz bald werden hierzulande jeden Tag mehrere tausend Menschen ihr Leben verlieren. Mein Handy surrt. Tägliche WhatsApp aus Deutschland. Freunde und Familie sehen besorgt die Nachrichten aus Amerika und fragen sich, ob wir hier noch sicher sind. Gerade jetzt, wo die Welt im Ausnahmezustand ist, zweifeln wir manchmal, ob es richtig ist nicht zu Hause, in der Heimat, bei der Familie zu sein. Wenn man die Wahl zwischen zwei Kontinenten hat, hat man Angst, am Ende auf der Seite zu sein, die es besonders schlimm treffen wird. 

Doch, momentan fühlen wir uns sicher hier in DC, in unserem kleinen Haus. Aufgrund des Jobs meines Mannes, würde es bedeuten, dass ich mit den Kindern zum jetzigen Zeitpunkt alleine nach Deutschland reisen müsste.... in diesen Zeiten als Kernfamilie auseinander gerissen zu werden, fühlt sich nicht richtig an. Noch. Denn, was uns vor allem Sorge bereitet, sind eher die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen - und wie die Menschen in Amerika damit umgehen werden, wenn die Corona-Pandemie sie in eine existentielle Krise gestürzt hat... wenn sie nichts mehr zu verlieren haben, weil sie schon alles, wirklich alles verloren haben.


Ich bin Elisabeth Koblitz, Journalistin, freie TV-Producerin und Mama x3. Seit 2013 lebe ich mit meinem Mann in Washington DC. Hier sind unsere drei Kinder (2015, 2017, 2019) zur Welt gekommen. 

Fotocredit: Lilli Groccia

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